Prächtige Moscheen, verschleierte Frauen, bunte Gewürzmärkte, aber auch Schlagzeilen über Krieg und Terror – es ist eine diffuse Melange an Nachrichten und Assoziationen, die gewöhnlich das Bild vom „Nahen Osten“ prägt. Wer sich ein differenziertes und kulturell facettenreiches Bild von der Region machen wollte, war beim 6. Jenaer Festival de Colores unter dem Motto „Wege nach Nahost“ gut aufgehoben. Mit jeder Menge Neugier und Lebensfreude im Gepäck wurden während der zehntägigen Kulturreise durch den Nahen Osten musikalische, literarische und cineastische Schätze gehoben, westliche Gewissheiten diskutiert, Fotos bestaunt und nahöstliche Köstlichkeiten probiert. Zum Eröffnungskonzert wartete zunächst die Band Nomad SoundSystem mit einem beidruckenden Stilmix von elektronischen Grooves und arabischer Livemusik auf. Eher leisere Töne schlug zum Stadtkirchenkonzert der syrisch-stämmige Oud-Spieler Hassan Abul Fadl an. Neben diesen musikalischen Brückenschlägen zwischen Orient und Okzident lebte das Festival von der Kraft des gesprochenen Wortes und der Stärke visueller Eindrücke. Beides in eindrücklicher Weise verknüpfte zum Dia-Openair im Kollegienhof Fotoreporter Andreas Pröve. Im Rollstuhl, an den er seit seiner Jugend gebunden ist, durchquerte er über Monate die Wüsten des Vorderen Orients. In Jena erzählte er in atemberaubenden Bildern von Einsiedlern in der Wüste, dem Leben in den Basaren, von religiösen Festen und verknüpfte seine Erlebnisse mit der geschichtsträchtigen Kultur der Region. Absolute Fachexperten sind der Islamwissenschaftler Stefan Weidner und der Musikethnologe Thomas Burkhalter. Während Burkhalter in seinem Vortrag die vibrierende Musikszene Beiruts beleuchtete, bezog Weidner in den „Debattenkriegen“ um den Islam Position. Diskussions- und Lesestoff boten gleichfalls drei Veranstaltungen zur Bücherwelt der arabischen Halbinsel: ein literarischer Stadtspaziergang, ein studentischer Rezensionsabend und die Lesung mit dem aus dem Irak stammenden Chamisso-Förderpreisträger Abbas Khider, der seinen humorvollen wie ergreifenden Debütroman “Der falsche Inder” vorstellte. In die Welt aus 1001er Nacht entführte Abschluss ein märchenhaftes Orientfest im Paradiespark.

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